2009
Gipfeltour mit Ausblick
Vladimir Stoupel mit dem Tschaikowsky-Konzert in Kassel
Komplexes Miteinander: Vladimir Stoupel spielte Tschaikowskys erstes Klavierkonzert, Patrik Ringborg und das Staatsorchester begleiteten. Foto: Malmus
Von Werner Fritsch
Hessische Allgemeine, 19. November 2009
Kassel. Bei den bekanntesten Klassik-Hits gibt es einen Trend zur Normierung. Was jeder kennt, soll immer gleich klingen. Spannend wird es aber oft dann, wenn jemand seine individuelle Fassung anbietet.
Bei Vladimir Stoupel (47) hatte Tschaikowskys berühmtes b-Moll-Klavierkonzert im Kasseler Bußtagskonzert nicht nur eine eigene Klanglichkeit. Der in Berlin lebende Russe mit französischer Staatsbürgerschaft nahm sich auch jede Freiheit, auf der gut 40-minütigen musikalischen Bergtour mal zu verweilen, die Atmosphäre zu genießen, dann wieder den Schritt zu beschleunigen, um an Ende den Gipfel in raschem Tempo zu erstürmen.
Die schweren Akkordtürme zu Beginn setzte Stoupel mit vorwärts drängendem Elan, doch in den lyrischen Passagen verlangsamte er das Tempo und ließ die verschiedenen Episoden in großer Ruhe vorüberziehen, bis an den Rand des Stillstands - ohne deshalb an Spannung zu verlieren.
Virtuose Brillanz stellte Stoupel in diesem ersten Satz nicht heraus. Außergewöhnlich war jedoch, wie sensibel er die rhythmischen Ebenen des Klaviersatzes klanglich unterschied.
Extrem langsam begann der zweite Satz. Stoupel entdeckte auch hier klangliche Felder, über die viele Pianisten zielstrebig hinweggehen, und setzte starke Kontraste zu den Prestissimo-Passagen.
Erst im Finale packte Stoupel mit der Virtuosen-Pranke richtig zu, und die Oktav-Kaskaden am Ende kamen wie aus Stein gemeißelt. Für den jubelnden Beifall in der ausverkauften Stadthalle bedankte sich der Solist mit dem Herbstlied aus Tschaikowskys Jahreszeiten-Zyklus op. 37, das er herrlich versonnen mit an Magie grenzenden Pianissimo-Farben spielte.
Reise in pianistische Traumwelten
Bedeutender Klavierabend Vladimir Stoupels bei den Kasseler Musiktagen
Von Johannes Mundy
Hessische Allgemeine, 12. November 2009
Kassel. Das Konzert mit dem russischen Pianisten Vladimir Stoupel setzte eine Marke, die von den ihm folgenden Kollegen schwer zu übertreffen sein wird. Russische Klavierschule: ja, Tastenlöwe: nein. Auf diese vereinfachende Formel kann man das Spiel Stoupels bringen, der für seine „wohlkomponierten“ Programme bekannt ist.
Umrahmt von zwei Werken Felix Mendelssohns, der ja bekanntermaßen aus einer jüdischen Familie stammt, gab es zwei weitere jüdische Komponisten aus dem 20. Jahrhundert und als Uraufführung fünf kurze Stücke aus einem Jahreszeiten-Zyklus der anwesenden russischen Komponistin Olga Rajewa. Von Karol Rathaus spielte Stoupel die 3. Sonate und von Erwin Schulhoff die 3. Suite für die linke Hand, beides höchst komplizierte Gebilde. Am Beginn und am Ende aber stand Mendelssohn, dessen Klavierwerk immer ein wenig im Schatten von Sinfonien, Oratorien und Kammermusik steht.
Der Pianist hatte die Fantasie fis-moll op. 28 und die „Variations sérieuses“ ausgewählt, das eine wie das andere hoch virtuose Schöpfungen. Interessant war es zu beobachten, wie unterschiedlich er beide Werke anging: die Fantasie mit vollem Einsatz, an Liszt erinnernd, die Variationen deutlich zurückgenommener und durchsichtiger.
Hier wie dort vertiefte sich Stoupel in diese Musik, ging in ihr auf, atmete mit ihr und tauchte, kurz durchschnaufend und nur allmählich ein Lächeln wiedergewinnend, aus der traumähnlichen Versenkung seines Spiels wieder auf. Ein bedeutender Abend.
Beißender Märchenhumor
von Tobias Roth
Klassik.com, 22. September 2009
Die Musiktheaterveranstaltungen im Werner-Otto-Saal des Berliner Konzerthauses wagen immer wieder höchst interessante Experimente; mit Neuem, Seltenem und ungewöhnlichen Formaten. Diesen September wurde ein kleines, aber bedeutendes Werk Schostakowitschs in einem solchen Rahmen geboten, namentlich das "Märchen vom Popen und seinem Knecht Balda" op.36. Dieses Märchen ist eine grundironische Musik, die ihr Grinsen jederzeit bis zum Sarkasmus strecken konnte; grelle, beschädigte Gebrauchsmusik zeigte die grotesken Figuren der Farce. Geleitet wurde die Musik in einer Version für Kammerensemble vom Dirigenten und Pianisten Vladimir Stoupel. Die für ein großes Orchester angelegte Partitur wurde so an den Raum angepasst und konnte dort wirken. Die Feinheiten der Farben und der plastische Erzählton der Musik kamen voll zur Geltung: die Musik erschien sehr nah am Ohr, und brachte so die grellen Effekte zur Wirkung.
Schattenspiel: eine Mini-Oper von Schostakowitsch im Konzerthaus
Tagesspiegel Berlin, 19. September 200
Die spärliche Ikonografie lässt vor allem der Musik stets genügend Raum. Diesen füllen die Sänger des Lindenquintetts und das Modern Art Ensemble unter der Leitung von Vladimir Stoupel mit Bedacht. Wenn Schostakowitschs Musik folkloristische Vorbilder pervertiert, um gesellschaftliche Normen zu kritisieren, dann klingt das bei Stoupel nicht plakativ, sondern wie ein subtiles Anecken unter dem Deckmantel musikalischer Konventionen.
In Memoriam Simon Laks
Ruch Muzyczny (Polen), September 2009.
Das Orchestre Philharmonique de Marseille wurde von Vladimir Stoupel geleitet, einem talentierten Pianisten und Dirigenten, der das Klangbild auszubalancieren verstand und deutlich Form und Atmosphäre des Werks wiedergab.
Simon Laks' Kammeroper "Die unerwartete Schwalbe" in Marseille
Opernwelt, September 2009
Beim Festival ‚Musiques Interdites‘ in Marseille kam das Stück nun zu seiner ersten (konzertanten) Aufführung in der französischen Originalversion. Eine Herausforderung, gibt es doch neun anspruchsvolle Solopartien, einen Chor, einen üppigen Orchesterapparat mit dreifach besetzten Holzbläsern, vier Hörnern, sechs Trompeten, Schlagwerk, Streichern und Celesta. Auf diese rhythmisch komplexe, harmonisch und satztechnisch anspruchsvolle Partitur waren Chor und Orchester der Oper von Marseille durch den russisch-französischen Dirigenten Vladimir Stoupel exzellent vorbereitet.
In Memoriam Simon Laks, von Christophe Mirambeau (Marseille), 13. Juli 2009
Vladimir Stoupel hebt den Taktstock und das Philharmonische Orchester von Marseille widmet sich voller Hingabe und mit seiner ganzen musikalischen Seele dem Poème für Violine und Orchester von Simon Laks: vom ersten Takt an erstrahlt das Werk in seiner vollen Brillanz. Ätherisch transparent entwickelt sich das orchestrale Klangbild in zarter Sinnlichkeit oder verdichtet sich zu geheimnisvollem Klang und kräftiger Farbigkeit. Die Violine legt sich auf diesen fein gesponnenen orchestralen Klangteppich, ein schillerndes und sensibles Ornat, das uns bisweilen ein anderes Poème in Erinnerung ruft – das von Chausson –, während die Lorenzo-Guadagnini-Violine von 1750, gespielt von der exzellenten Geigerin Judith Ingolfsson, eine erhabene lyrische Klage singt. Vladimir Stoupel, der Dirigent, scheint ganz in seinem Element, ist er doch als erstklassiger Interpret von Laks - sowohl im Konzertsaal als auch im Aufnahmestudio - mit dieser Musik bestens vertraut. Gern lässt man sich führen, verführen, von dieser sanften, substanzreichen und sensiblen Musik ergreifen; und selbst wenn das Herz nicht berührt sein sollte, können Hirn und Verstand nicht umhin, im Verlaufe des Zuhörens die Originalität der Laks’schen Komposition zu bewundern.
Berliner Zeitung, 27. Mai 2009
In der Sonate für Viola und Klavier von Schostakowitsch führten Tabea Zimmermann und ihr Klavierpartner Vladimir Stoupel in ihrer Interpretation eindringlich vor Augen, dass diese Musik das Sonatengebäude wie ein abbruchreifes Gemäuer begeht, sich gar nicht mehr darin niederlassen will. Die Zeit tastet die Wände der tradierten Form entlang und wirft immer wieder schimmlige Blasen auf, in denen es nicht weitergeht. Ein Choral singt sich nicht aus, sondern wird nur noch gezupft oder wie eine kaum leserliche Schrift in die schwarzen Klavierbässe gekratzt. Das Ende ist zwielichtig, der Schlusston der Viola ein langer Steg aus der Welt hinaus, in ein fahles Licht. Es könnte auch eine Täuschung sein.
Morgunblaðið (Island), 27. Mai 2009
Reykjavik Arts Festival
Das Reykjavik Chamber Orchestra spielte hervorragend unter der zielbewussten Leitung von Vladimir Stoupel.
Neue Westfälische Zeitung, 30. März 2009
In seinem späten 2. Klavierkonzert (USA, 1947) liefert Ernö von Dohnanyi bestes romantisches Virtuosenfutter. Der in Bielefeld schon mit einem Soloabend hervorgetretene Vladimir Stoupel blieb dem nichts an technisch überlegener Bravour schuldig. Sein (im dialogfreien Kopfsatz) nimmermüdes die-Tasten-und-Themen-Rauf-und-Runter hatte unangestrengte, tonklare Eleganz, das finale Fingerfeuerwerk funkelnden Esprit und das grazil trillernd und glitzernd eingepasste Adagio verströmte auch Innigkeit. Der Solist wurde von Publikum nach Gebühr gefeiert.
Westfalen Blatt, 30. März 2009
Stoupel mit makelloser Technik
Der Pianist Vladimir Stoupel verfügt über eine makellose Technik, mit der er auch die vertracktesten Figuren so serviert, als seien sie ein Kinderspiel. In einer vorbildlichen Zusammenarbeit nutzten er und der Dirigent jede Möglichkeit, dem 2. Klavierkonzert von Dohnanyi Abwechslung und Farbe zu geben. Der Kontrast zwischen den aufbrausenden und verträumten Abschnitten kam gut heraus. Das Publikum zollte den Künstlern reichlich Beifall.
Vladimir Stoupel gestaltete Beethovens Klavierkonzert c-Moll mit Temperament und Disziplin.
Landeszeitung Lüneburg, 03. März 2009
Beethoven verlangt reichlich Energie. Immer wieder ballt sich in seinem Klavierkonzert Nr. 3 c-Moll die Spannung, steigert sich zu opulentem Gestus. Die gewaltigen Orchester-Schwünge brauchen einen adäquaten Solisten. Der wurde in dem russischen Pianisten Vladimir Stoupel gefunden. Er beherrscht Beethovens Klang-Kosmos bravourös. Stoupel spielt druckvoll dynamisch und taucht daneben mit subtilem Ton in sanfte Piano-Gefilde. Er liebt Gegensätze, kostet jeden Schnitt aus, stets mit punktgenauem Anschlag: eine packende Wiedergabe.
Klänge aus Theresienstadt
Von Daniel Wixforth
DER TAGESSPIEGEL BERLIN, 29. Januar 2009
Mendelssohn ist derzeit omnipräsent. Wenn nun selbst sein Name nicht ausreicht, um den Kleinen Saal des Konzerthauses mehr als nur dürftig zu füllen, dann liegt das wohl an der restlichen Programmauswahl von Vladimir Stoupel. Mit Komponisten wie Karol Rathaus, Zikmund Schul oder Szymon Laks ist diese gelinde gesagt unpopulär. Künstlerischer Starrsinn? Mendelssohns „Sonate écossaise“ bleibt an diesem Klavierabend jedenfalls präludierendes Kompromissangebot an den Kartenverkauf. Was dann folgt, ist ein wahrhaft faszinierendes Eintauchen in wenig bekannte jüdische Musik der 1920er bis 1940er Jahre. Mit bedrohlicher Intensität durchdringt Stoupel die Sonate Nr. 3 von Karol Rathaus. Alles ist getragen von Kontrasten zwischen Fortissimo-Ausbrüchen und lyrischem Versinken. Weit weg davon die nächste Station. Gideon Kleins Klaviersonate – 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt geschrieben – ist ein aufwühlendes Werk, in das der russische Pianist tief eindringt: Der bedrohlich-mechanische Schlusssatz schwillt zu einem angstvollen Inferno an. Fast erleichternd wirkt da Stoupels Interpretation von Szymon Laks'' „Ballade en l’honneur de Frédérick Chopin“. Ein neoromantisches lieto fine für diesen Abend, der immer ergreifende Entdeckung ist.