DAS ORCHESTER - April 2012
Strawinski/ Divertimento und Schostakowitsch/ Violinsonate
Zwei große russische Komponisten der "klassischen Moderne", die jeweils in unterschiedlichen Kulturbereichen und politischen Anschauungen lebten und wirkten, sind hier beim Label Audite auf einer CD mit zwei gegensätzlichen Kammermusikwerken vereinigt: das leichtfüßige Divertimento von Igor Strawinsky und die spröde klingende Violinsonate von Dmitri Schostakowitsch aus seinem letzten Lebensabschnitt.
Wie auf deren Leib geschrieben scheint das Werk von Strawinsky den beiden renommierten Künstlern Judith Ingolfsson und Vladimir Stoupel geschmeidig und leicht von der Hand zu gehen. Viel Wert legen beide auf die lyrischen und melodischen Passagen, beleuchten den spezifischen Strawinsky'schen Kolorit und kitzeln dessen feine Rhythmik heraus, welche sie zum einen mit präzisem Anschlag, sauberem und warmem Bogenstrich bestens herausarbeiten, zum anderen diese Musik angenehm nachempfunden und bestens im Zusammenspiel musizieren: Strawinsky in märchenträumerischem Gewande.
Attribute, die auch im zweiten Stück deutlich zutage treten. Jedoch holt Schostakowitschs Violinsonate den Hörer erst einmal in die harte Gegenwart sowjetischer Realität zurück. Das dreisätzige Werk ist alles andere als träumerisch. Zum 60. Geburtstag für den Geiger David Oistrach 1968 komponiert, ist es typisch für den resignierten und vom Leben gezeichneten Komponisten. Zwar besitzt der schnelle Satz nicht mehr die schwitzende Aggressivität früherer Werke, aber der unbändige Zorn, welcher tief ins Fleisch geht, ist unmittelbar spürbar. Das wurde schon in der Interpretationspaarung Oistrach/Richter von 1969 hörbar, die lange als Vorbild galt, und bei der die übrigen Sätze eine Fahlheit mutloser Resignation erzeugen. Aber auch diese Interpretation geht unter die Haut, da Ingolfsson/Stoupel die Sätze ebenso intensiv und spannungsgeladen, jedoch etwas langsamer spielen und die ohnmächtig wirkenden Empfindungen höchst einfühlsam, beinahe bis zum Reißen, auskosten. Während bei Oistrach/ Richter manches gläserner, kantiger, situationsbedingt vielleicht auch unmittelbarer klingen mag, so erscheint jetzt trotz des aufwühlenden Zorns im Nachhinein manches versöhnlicher und zerbrechlicher: inzwischen mit einer subtilen Idee von Vergebung.
Werner Bodendorff
PLATTE 11- März 2012
Strawinski/ Divertimento und Schostakowitsch/ Violinsonate
Das Divertimento von Igor Strawinski und die Violinsonate von Dmitri Schostakowitsch – gegensätzlicher lässt sich ein Programm für Violine und Klavier kaum zusammenstellen, auch wenn beide Komponisten natürlich russischer Herkunft waren und insofern eine inhaltliche Klammer da ist. Der in Paris lebende Weltbürger Strawinski bearbeitete 1932 eine Orchestersuite, die auf das Ballett Le baiser de la fée zurück geht und wohl mehr Tschaikowski als Strawinski enthält. Man könnte sich dazu eine ausgekochte Interpretation denken, bei der gerade umgekehrt mehr Strawinski als Tschaikowski zu hören ist – gewitzt und scharfkantig gespielt. Auf solcher Art "Verfremdungseffekt" verzichten Judith Ingolfsson und Vladimir Stoupel aber. Ungeniert kosten sie romantische Kantilenen aus und begeistern mit bestens eingespielter Duo-Kunst. Dass die beiden schon lange und oft zusammen konzertieren, hört man nämlich.
Dann ein krasser Wechsel zur Sonate für Violine und Klavier G-Dur op. 134. Sie war ein Geschenk von Dmitri Schostakowitsch an David Oistrach zu dessen 60. Geburtstag. Wie schade, dass das Dokument der Moskauer Uraufführung auf einer Melodiya-LP aus dem Jahr 1969 nicht annähernd so gut klingt wie diese auch technisch exzellente Produktion von Audite. Judith Ingolfsson und Vladimir Stoupel zeigen dabei eine enorme Wandlungsfähigkeit. Klang das Divertimento überraschend verbindlich und der Salonmusik nahe, spielen sie die Schostakowitsch-Sonate durchaus "krasser" aus als David Oistrach und Swjatoslaw Richter, die womöglich nicht nur aus musikalischen Gründen, sondern auch aus politischer Rücksichtnahme zurückhaltender agierenden Uraufführungsinterpreten. Übrigens kann man auch mit dieser Vergleichsgröße im Hintergrund über die technische wie musikalische Kompetenz von Judith Ingolfsson und Vladimir Stoupel nur staunen.
Heinz Gelking
Gramophone - März 2012
… Die Liebe zu Tanzrhythmen ist offensichtlich in der Verwendung einiger Lieder und Klavierstücke Tschaikowskys im Strawinskys Divertimento, das auf seinem Ballett Le baiser de la fée (Der Kuss der Fee) basiert, und sie ist auch in hohem Maße vorhanden im klezmerartigen Allegretto in der Schostakowitschs machtvollen Sonate; alle werden hier mit großem Schwung aufgegriffen, so wie es sein sollte. In Strawinskys überschwenglichen Tschaikowsky-Transformationen und Schostakowitschs tiefsinnigen Huldigungen an Bach gibt es zudem die Beschwörung früherer Komponisten.
Im täuschend geradlinigen einleitenden Andante und im langen Largo der Schostakowitsch-Sonate, einem herrlichen, eindringlichen Stück erweiterten Musikdenkens, das mit ausgezeichneter Beherrschung gespielt wird, fördern Ingolfsson und Stoupel die Inspiration Bachs zutage. Es gibt auch ein weniger leicht zu identifizierendes, aber sehr russisches Kraftgefühl in der energischen Tanzmusik, die besonders im Mittelsatz des Schostakowitsch fast außer Kontrolle zu geraten droht. Beide Komponisten lassen sich zudem von Glockenklängen inspirieren, die wiederum sehr russisch sind und hier lebhaft imitiert werden.
Dies sind zwei starke, scharfsinnige, direkt und klar aufgenommene Aufführungen, deren komplexe Ambiguitäten sich unter der bisweilen munteren Oberfläche der Musik beider Komponisten kraftvoll in Erscheinung treten.
John Warrack
Grosse Phrasierungsideen
Ensemble - Magazin für Kammermusik - Februar 2012
Zwei der großen russischen Kammermusikwerke des 20. Jahrhunderts haben sich die Geigerin Judith Ingolfsson, die seit ihrem Gewinn des Violinwettbewerbs in Indianapolis Karriere macht, und der renommierte Pianist Vladimir Stoupel da vorgenommen. Strawinsky hat sein "Divertimento" aus seinem Ballett "Der Kuss der Fee" zusammengestellt. Und so ist die Klangsprache des damals in Paris lebenden Komponisten bildhaft in seiner Ausdeutung, ja tänzerisch und dennoch vom französischen Musikgeschmack geprägt. Die beiden Interpreten faszinieren mit tiefsinnigen und intensiven Phrasierungsideen und farbenreichem Ausdruck. Härter und unnachgiebiger schrieb Schostakowitsch in seiner Violinsonate. Und auch hier stellen sich die beiden Musiker als Könner dar – und können vor allem die Unterschiedlichkeit der Schreibstile durchdringen. Eine grandiose Einspielung.
Carsten Dürer
Kraftzentren der Zeit, gespiegelt
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Im Mittelpunkt des Abends stand das leider äußerst selten erklingende, 1924 komponierte Konzert für Klavier, Blasorchester, Kontrabässe und Pauken von Igor Strawinsky. Es enthält in deutlicher Ausprägung Reminiszenzen an die Musik des frühen 18. Jahrhunderts, wenn etwa der erste Satz an den Bauplan einer Französischen Ouvertüre erinnert oder der rhythmisch vertrackte, trockene, emotionslos zu gestaltende Klavierklang an ein Cembalo denken lässt. Expressivität wird zumindest in den Ecksätzen nur stellenweise im Orchester zugelassen.
Der Solist Vladimir Stoupel unterzog sich der Anstrengung mit vorbildlicher gestalterischer Kraft und - besonders wichtig bei diesem Stück - äußerster rhythmischer Präzision. Aber auch dem Philharmonischen Staatsorchester Mainz und seinem Gastdirigenten Dante Anzolini gelang es, durch exaktes Spiel die musikalische Gestalt zu verdeutlichen.
HARALD BUDWEG
Unbekanntes mit großer Strahlkraft
Mainzer Rhein-Zeitung
Am Klavier saß der Exilrusse Vladimir Stoupel, am Dirigentenpult stand als Gastdirigent Dante Anzolini. Orchester und Solist agierten in perfekter Abstimmung. Die Klänge saßen präzise, wie in Stein gemeißelt, aber zugleich war zu spüren, dass hinter Strawinskys Montage aus Stilzitaten, Anspielungen und Formhülsen eine ungeheure rhythmische Energie, Faszination für den Klang und Lust am Zusammenspiel stecken.
Über die Begeisterung im Publikum war der Pianist selbst sichtlich erfreut und spielte als Zugabe
einen kurzen "Moment Musical" von Franz Schubert.
Allgemeine Zeitung Mainz
Strawinskys Konzert für Klavier und Bläser aus dem Jahre 1924 hingegen setzt ganz auf markante Rhythmik. Der russisch-französische Pianist Vladimir Stoupel entlockte seinem Solo-Part mit perkussiver Kraft einen sprühenden Witz. Das Mainzer Publikum war restlos begeistert.
Einarmige des Weltkriegs
Stoupel und Ingolfsson im Internationalen Theater
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bei einem Konzert im Internationalen Theater in Frankfurt konnte man Schulhoffs äußerst ambitionierte und anspruchsvolle Klaviersuite für die linke Hand nun kennenlernen. Zu danken war das dem Pianisten Vladimir Stoupel, der die fünf Sätze stilistisch fein differenzierte: vom Beginn mit den impressionistischen Valeurs bis zu den perkussiven, toccatenhaften und dissonanten Sätzen in expressionistischen Knallfarben.
Mit der Sonate für Violine und Klavier op. 134 von Schostakowitsch erwiesen sich Stoupel und Ingolfsson schließlich als exzellent eingespieltes Duo. Sie schärften die Kontraste des Spätwerks, dessen Radikalität und Modernität voll zur Geltung kamen.
Pizzicato Luxemburg
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Zum Bersten spannend
Mit seinem Divertimento griff Igor Strawinsky die klassische Tradition eines Haydn oder Mozart auf. Er machte das mit der ihm eigenen, stark rhythmisierten Tonsprache, mit der uns diese Aufnahme zu allererst packt. Das Duo Ingolfsson-Stoupel spielt höchst kommunikativ, nimmt die Zuhörer mit auf eine spannende musikalische Zeitreise. Judith Ingolfsson entlockt ihrer Violine eine schier unbegrenzte Palette an Tönen - hier und da filigran und sanft, dann wiederum kraftvoll, energiegeladen. Dabei lässt das Duo nie die hintergründige, humoristische Note des Genres vermissen.
Dmitri Shostakovich hat die Violinsonate op. 134 in seinen letzten Lebensjahren geschrieben, Jahre, die vom körperlichen Verfall des Komponisten gezeichnet sind. Selbst wenn man das Werk nicht zu sehr biographisch deuten sollte, ist der Abgesang an das Leben nicht zu überhören. Mit bestechender Rhetorik arbeiten Judith Ingolfsson und Vladimir Stoupel die recht morbide Stimmung des Werkes heraus. Sie gestalten die Sonate scharf und pointiert im Allegretto, mit schicksalhafter Wucht und einem regelrechten Gewitter an Emotionen im abschließenden Largo."
RBB Kulturradio
kulturradio.de
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Strawinsky: Divertimento und Schostakowitsch: Violinsonate
mit Judith Ingolfsson und Vladimir Stoupel, die die beiden Werke mit virtuoser Leichtigkeit spielen.
Zwei große kammermusikalische Werke der russischen Moderne haben die Geigerin Judith Ingolfsson und der Pianist Vladimir Stoupel neu eingespielt: Das Divertimento von Igor Strawinsky und die Violinsonate von Dmitri Schostakowitsch.
Virtuos und entschlossen
Gewissenhaft und trotzdem mit großer Leichtigkeit präsentieren Judith Ingolfsson und Vladimir Stoupel die beiden Werke. Ihr Strawinsky überzeugt vor allem durch die virtuose Herausarbeitung der lyrischen Melodien. Die Schostakowitsch-Sonate spielen sie ein wenig langsamer als gewohnt, was dem Stück aber durchaus gut tut. Judith Ingolfsson legt sich wirklich hinein in die lang gehaltenen Töne, so dass ein warmer, entschlossener und manchmal auch angriffslustiger Klang entsteht. Gleichzeitig kann sie sich an den leiseren Stellen wunderbar zurücknehmen, bis hin zum sachten, einfühlsamen Pianissimo.
Auch Vladimir Stoupel erweist sich als Kenner seiner beiden Landsmänner, solide liefert er die Grundlage für die Ausflüge der Violine: Ein glasklares Zusammenspiel mit einem sicheren Gespür für die feinen Verästelungen und großen Gegensätze, die beide Werke gemeinsam haben.
Ulrike Klobes, kulturradio
RESMUSICA.com (Frankreich)
resmusica.com

Judith Ingolfsson bietet uns eine bewundernswerte und kraftvolle Version des berühmten Divertimento für Violine und Klavier von Igor Strawinsky. In ihrer Bogenführung glaubt man die franco-belgische Violinschule zu hören. Abgesehen von Ihrer wahrhaft atemberaubenden Virtuosität erkundet Ingolfsson die Ausdruckswelt von Strawinsky mit beeindruckender Intelligenz und meistert dabei in Sekundenschnelle den Übergang von sardonisch-humoristischem zum zutiefst eindringlich-lyrischen Spiel. Eine außergewöhnliche Darbietung, nicht zuletzt dank des perfekten Einklangs und Gleichgewichts mit dem Vortrag des Pianisten Vladimir Stoupel, der seinen Teil zu dieser uneingeschränkt als Erfolg zu bezeichnenden Einspielung beiträgt.
Im Anschluss an Strawinskys Divertimento entführt uns das Duo mit der Sonate op. 134 von Schostakowitsch in eine vollkommen andere Welt. Die hier vorliegende Interpretation der von David Oistrach und dem Komponisten selbst geschaffenen Sonate spielt ebenfalls in einer eigenen Liga. Mit höchst intensiver Dramatik (die uns bis in eisige Höhe führt) gelingt es dem Duo in bewährter Virtuosität (zentrales Allegretto), den dramatischen und tragischen Charakter des Stücks idealtypisch zu vermitteln. Sicher, dieses Rezital entlässt den Hörer musikalisch „erschöpft“. Aber es ist für eine gute Sache!
Selbstbewusst und souverän
klassik.com
So sehen Sieger aus. Zumindest stellt man sie sich so vor: Der Pianist mit einem leichten Lächeln, in warmem Dunkelblau gekleidet, die Hände in den Hosentaschen, die Geigerin mit verschränkten Armen und überlegenem Blick, unanfechtbar in Schwarz. Die Posen von Judith Ingolfsson und Vladimir Stoupel auf dem Coverfoto ihrer ersten Duo-CD deklarieren das Selbstbewusstsein der Musiker – und nachdem die Aufnahme gehört hat, darf man sagen: zu recht. Mit dem 'Divertimento' von Igor Strawinsky und der Violinsonate op. 143 von Dmitri Schostakowitsch geht das Duo keine Stücke an, in denen die technisch-virtuose Beherrschung des Instruments im Vordergrund steht. Umso mehr fordern sie Geschick im Umgang mit der Literatur des 20. Jahrhunderts, die sich bei den beiden russischen Komponisten einmal mehr als enorm unterschiedlich erweist.
Das Spiel des Duos wirkt aus sich heraus, es wirkt selbstverständlich und dadurch überzeugend. Dass diese Haltung in sämtlichen Facetten der Werke zu erkennen ist, trägt zur Schlagkraft der Platte bei, die in Zusammenarbeit mit Deutschlandradio Kultur bei Audite erschienenen ist. Über den glänzenden Vortrag hinaus steigert den Hörgenuss die glasklare Qualität der Aufnahme.
Die Geschichte von Strawinskys 'Divertimento' für Violine und Klavier ist verwirrend: Tatsächlich handelt es sich dabei um die Bearbeitung einer Bearbeitung.
Nach einer märchenhaften Vorrede sprudelt im ersten Satz, der 'Sinfonia', lebhafter Rhythmus empor – erste Dramatik, die das Duo in spritzigem, stets ballastfreien Zusammenspiel offenbart. Die konsequente Leichtigkeit der Tongebung besonders der Violine, die auch in lyrisch-nachdenklichen Passagen beibehalten wird, wirkt in allen Stücken wie ein Wundermittel: niemals zu aufdringlich, immer im Fluss und doch nicht blass. So wird auch der raffinierte Stilmix des zweiten Satzes, 'Danse suisse' (Schweizer Tanz), umgesetzt, der einen Wechsel zwischen folkloristischem und kantablem Gestus fordert. Dazwischen drängt sich ein homophoner Satz, der den Effekt der Verschmelzung der Solostimmen zu scheinbar einem einzigen Akkordinstrument bewirkt. Auch im letzten Satz 'Pas de deux' mit Variationen über ein Adagio-Thema wird der feinsinnige Humor des Komponisten ganz natürlich zum Vortrag gebracht, wenn sich etwa zu einer chansonähnlichen Melodie, in der Ingolfsson endlich die Brillanz ihres Tons in der Höhe darbietet, weiche Staccato-Töne in der Begleitung fügen, oder die Musik an die Unterlegung einer Pantomime-Nummer im Zirkus erinnert, wie in der letzten Variation.
Die Assoziationen, die Schostakowitschs Violinsonate op. 134 weckt, sind hingegen zuallerletzt heiter. Das Stück wurde 1969 durch den Geiger und zugleich Widmungsträger David Oistrach und Swjatoslaw Richter uraufgeführt und wird, wie viele Werke Schostakowitschs, in Zusammenhang gesehen mit der ‚existenziellen Finalität, dem Tod oder dem Verlöschen', wie Wolfang Rathert im Booklet treffend bemerkt. Wenn auch nicht unmittelbar düster, so eignet dem Werk zumindest eine zehrende Spannung. Der erste Satz der unkonventionellen Folge ist ein 'Andante': Ein tappender Puls, der sich über das langsame Tempo hinweg durch den Satz zieht, reduzierte Dynamik, Einfälle von Geräuschmusik. Bei anderer Stimmung könnte man von einer großartigen Szene sprechen, die Ingolfsson und Stoupel hier aufziehen. Das 'Allegretto' wirkt im Anschluss erleichternd; paradoxerweise handelt es sich doch um einen aufwirbelnden Satz: Kratzende Töne werden gegen geschmeidige Skalen ausgespielt bei einem ständigen Auf und Ab im Tonraum. Im dritten Satz 'Largo' schließt sich der Kreis des Werkes: Nach dem Höhepunkt von kurzen Solo-Passagen von Klavier und Geige gestaltet das Paar ein flirrendes Ausklingen, mit Verweis auf den Klang des ersten Satzes. Die Spannung jedoch bleibt auch über das Ende hinaus erhalten.
Man darf gespannt sein, ob Judith Ingolfsson und Vladimir Stoupel sich zu weiteren Aufnahmen entschließen. Bewiesen hat das Duo mit den Werken Strawinskys und Schostakowitschs, dass es sich insbesondere auf dem Terrain der Klassischen Moderne wohlfühlt. Und gerade dort braucht es Mut und Selbstsicherheit. Die Musiker haben offensichtlich beides.
Und wieder lodert das Brio-Feuer
Nordkurier
Von unbändiger Lebensfreude erfüllt ist das im Warschauer Ghetto 1940 vollendete Concertino für Klavier und Orchester des Pianisten, Komponisten und Schriftstellers Wladislaw Szpilman (1911-2000), dessen bewegendes Schicksal durch den Polanski-Film "Der Pianist" bekannt geworden ist. Eine große, filmmusikalisch orientierte Orchestergeste eröffnet das Werk. Voluminös und klangsatt breitet sie sich aus, um in den wie improvisatorisch wirkenden Soloauftritt des Klaviers zu münden. Vladimir Stoupelvollzieht diesen "Einstand" glänzend. Gemeinsam entwickelt sich ein virtuoses Gespinst aus streckenweise jazzig swingenden Soundfäden. Gestochen klar und kräftig ist Vladimir Stoupels Anschlag. Mühelos bewältigt er die abrupten Stimmungswechsel zwischen kraftdonnernden Läufen, lyrischen Reminiszenzen und tanzmusikalischen Tastentänzen.
Stürmischer Applaus!
Der Tagesspiegel Berlin
Hymnisches Finale
Märkische Oderzeitung
Für die Chopin-Hommage war das e-Moll-Klavierkonzert op. 11 auserkoren, dem die Musiker für die Orchesterexposition eine geradezu beethovengeprägte Leidenschaftlichkeit verliehen. Überaus kraftvoll geriet der Einsatz des Solisten Vladimir Stoupel, der jeden Ton mit staunenswerter Nachdrücklichkeit versah. Spielerisch leicht, aber fern des Verspielten erwies er sich als ein mitdenkender, fast grüblerischer Chopin-Anwalt, der auch dem Virtuosen mit seinem trillerreichen Passagenwerk nichts schuldig blieb. Verträumt sinnierte er durch lyrische Gefilde, donnerte mit Tastenbravour das Pathos herbei - kurzum: mit seinem nuancierten Anschlag von watteweich bis kraftstrotzend und seinem unbändigen Gestaltungswillen erwies er sich als ein kontrastliebender, konturenklarer Stimmungsmaler. In berückender, leuchtender Schönheit sang er das Larghetto als ein Nachtstück voll inneren Leuchtens. Enthusiastischer Beifall und eine Schubert - Zugabe.
Reise in pianistische Traumwelten
Bedeutender Klavierabend Vladimir Stoupels bei den Kasseler Musiktagen
Hessische Allgemeine
Kassel. Das Konzert mit dem russischen Pianisten Vladimir Stoupel setzte eine Marke, die von den ihm folgenden Kollegen schwer zu übertreffen sein wird. Russische Klavierschule: ja, Tastenlöwe: nein. Auf diese vereinfachende Formel kann man das Spiel Stoupels bringen, der für seine „wohlkomponierten“ Programme bekannt ist.
Umrahmt von zwei Werken Felix Mendelssohns, der ja bekanntermaßen aus einer jüdischen Familie stammt, gab es zwei weitere jüdische Komponisten aus dem 20. Jahrhundert und als Uraufführung fünf kurze Stücke aus einem Jahreszeiten-Zyklus der anwesenden russischen Komponistin Olga Rajewa. Von Karol Rathaus spielte Stoupel die 3. Sonate und von Erwin Schulhoff die 3. Suite für die linke Hand, beides höchst komplizierte Gebilde. Am Beginn und am Ende aber stand Mendelssohn, dessen Klavierwerk immer ein wenig im Schatten von Sinfonien, Oratorien und Kammermusik steht.
Der Pianist hatte die Fantasie fis-moll op. 28 und die „Variations sérieuses“ ausgewählt, das eine wie das andere hoch virtuose Schöpfungen. Interessant war es zu beobachten, wie unterschiedlich er beide Werke anging: die Fantasie mit vollem Einsatz, an Liszt erinnernd, die Variationen deutlich zurückgenommener und durchsichtiger.
Hier wie dort vertiefte sich Stoupel in diese Musik, ging in ihr auf, atmete mit ihr und tauchte, kurz durchschnaufend und nur allmählich ein Lächeln wiedergewinnend, aus der traumähnlichen Versenkung seines Spiels wieder auf. Ein bedeutender Abend.
Neue Westfälische Zeitung
In seinem späten 2. Klavierkonzert (USA, 1947) liefert Ernö von Dohnanyi bestes romantisches Virtuosenfutter. Der in Bielefeld schon mit einem Soloabend hervorgetretene Vladimir Stoupel blieb dem nichts an technisch überlegener Bravour schuldig. Sein (im dialogfreien Kopfsatz) nimmermüdes die-Tasten-und-Themen-Rauf-und-Runter hatte unangestrengte, tonklare Eleganz, das finale Fingerfeuerwerk funkelnden Esprit und das grazil trillernd und glitzernd eingepasste Adagio verströmte auch Innigkeit. Der Solist wurde von Publikum nach Gebühr gefeiert.
Westfalen Blatt
Stoupel mit makelloser Technik
Der Pianist Vladimir Stoupel verfügt über eine makellose Technik, mit der er auch die vertracktesten Figuren so serviert, als seien sie ein Kinderspiel. In einer vorbildlichen Zusammenarbeit nutzten er und der Dirigent jede Möglichkeit, dem 2. Klavierkonzert von Dohnanyi Abwechslung und Farbe zu geben. Der Kontrast zwischen den aufbrausenden und verträumten Abschnitten kam gut heraus. Das Publikum zollte den Künstlern reichlich Beifall.
Klänge aus Theresienstadt
Der Tagesspiegel Berlin
Es ist ein wahrhaft faszinierendes Eintauchen in wenig bekannte jüdische Musik der 1920er bis 1940er Jahre. Mit bedrohlicher Intensität durchdringt Stoupel die Sonate Nr. 3 von Karol Rathaus. Alles ist getragen von Kontrasten zwischen Fortissimo-Ausbrüchen und lyrischem Versinken. Weit weg davon die nächste Station. Gideon Kleins Klaviersonate – 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt geschrieben – ist ein aufwühlendes Werk, in das der russische Pianist tief eindringt: Der bedrohlich-mechanische Schlusssatz schwillt zu einem angstvollen Inferno an. Fast erleichternd wirkt da Stoupels Interpretation von Szymon Laks'' „Ballade en l’honneur de Frédérick Chopin“. Ein neoromantisches lieto fine für diesen Abend, der immer ergreifende Entdeckung ist.
Psychedelisch!
Von René Franck
Pizzicato (Luxemburg)
Galt bisher die Gesamtaufnahme der Sonaten durch Igor Shukow als Referenz,
muss man nicht neben, sondern vor diese Einspielung jetzt auch diese neue
stellen, gespielt von dem russischen Pianisten und Dirigenten Vladimir
Stoupel, der 1985 französischer Staatsbürger wurde und heute in Berlin
lebt.
Hier passiert tatsächlich etwas, wenn man eine der CDs in den Player legt (und ich habe bewusst nicht mit der ersten Sonate begonnen, sondern mich gleich in die mystischeren späten Sonaten vertieft). Der erste Eindruck kam vom Klavierklang. So einen wohlproportionierten, natürlichen und den Hörer unmittelbar in Scriabins Welt versenkenden Sound hört man nicht oft. Das Klavier hüllt den Hörer sozusagen ein, nimmt ihn in sich auf, wird eins mit ihm, eine Wirkung, zu der natürlich die rauschhafte, psychedelische Musik Scriabins beiträgt. Man braucht nur die Augen zu schließen, und dann ist man in jenem irrealen Ambiente, in dem die Musik die perfekte Sinnestäuschung vollzieht, Körper und Geist leicht macht und uns durch Eis und Schnee, durch Feuerbälle und Lichtbögen jagt, durchs Dunkel wie durchs Sonnenhelle, wo nichts mehr greifbar wird und alles entschwindet. Stoupel bringt uns das gewaltige Herz des Komponisten so nahe wie sonst selten ein Pianist, mit einer Expressivität, der keine Grenzen gesetzt zu sein scheinen, mit pianistischen Mitteln, die vom Flüstern bis zum erregten Schrei reichen, mit Lyrismus wie mit Perkussion jene unendlichen Räume der Musik durchfliegen, die sich längst von der gemarterten Welt gelöst haben, Räume, wo nichts mehr greifbar ist, wo wir transzendiert die Särge der Wahrheit einer längst ausverkauften Erde hinter uns lassen.
Die tausend Farben des Feuers
Hessische Allgemeine
Mit einem eindrucksvollen Klaviersolo, Liszts "Funérailles" im abgedunkelten Saal, eröffnete Vladimir Stoupel den zweiten Konzertteil. Wunderbar, wie Stoupel fahle Akkordtürme, versonnene musikalische Gedanken und schwere Oktav-Kaskaden aufeinanderfolgen ließ - und damit den Boden bereitete für Alexanders Skrjabins "Promethée" oder "Le poème du feu".
Tatjanas Traum
Der Tagesspiegel Berlin
Stoupel wagt eine besondere, ganz private Interpretation des vertrauten Stücks, macht aus dem virtuosen Reißer für Tastensprinter ein Tongedicht über die Kämpfe einer verzweifelten Seele. Er lässt sich vom Notentext zu einer rhapsodischen Erzählung inspirieren, zum Operntableau, packend und atmosphärisch dicht wie Tatjanas Briefszene aus „Eugen Onegin“. Gegen alle Konventionen öffnet in Tschaikowskys Oper eine junge Frau ihrem Angebeteten ihr Herz. Es gehört für den Pianisten ebenso viel Mut dazu, in Zeiten, wo alles auf die schwerelose Brillanz eines Lang Lang schwört, durch emotionale, herzgesteuerte Deutung klarzumachen, warum das Werk einst als ungeheuerlich, geradezu obszön privat galt.
Russische Musik brachte Wehmut ins Große Haus
Mainzer Rhein-Zeitung
Mit Pjotr Iljitsch Tschaikowskijs Klavierkonzert Nr. 3 Es-Dur op. posth. 75 "Allegro Brillante" und dem Konzert für Klavier, Streicher und Pauken von Galina Ustwolskaja standen zwei Solokonzerte auf dem Programm. Vladimir Stoupel verlieh den beiden einsätzigen Werken authentisch russische Seele. Mit klarem Anschlag und leidenschaftlicher Intensität spielte er differenziert die synkopisch rhythmischen und innig ruhigen Themen des Tschaikowskij-Konzerts. Besonders in der Kadenz zeigte Stoupel Ausdrucksvielfalt von wehmütig unruhig bis leidenschaftlich entschlossen. Auch in Ustwolskajas Konzert beeindruckte der Pianist mit einer Fülle an Klangfarben. Das Orchester passte sich ihm sensibel an, klang neblig mystisch oder bedrohlich hämmernd.
Verhangene Stimmungsbilder
Neue Westfälische Zeitung
Unter den Händen des angesehenen Pianisten und ausgewiesen vielseitigen Musikers Vladimir Stoupel erfährt die Rathaus Sonate Nr. 3 eine nicht auslassende Durcharbeitung und prägende Gestaltungskraft. Ein beeindruckendes Plädoyer. Zum Auftakt mit Schuberts f-Moll Impromptu op. 142/1 vereinte sein gereiftes Spiel Klarheit der Formulierung und reich schattierende Sensibilität, ließ die Abgründigkeit des Schubertschen Spätwerktons in klangräumlicher Weite spüren. Gewisse impressionistische Anflüge mochten als Verbindung zum Lyrismus Claude Debussy gemeint sein. In dessen Klavierzyklus "Estampes" zeichnet und evoziert Vladimir Stoupel mit höchster Anschlagskultur Klangbilder aus Java, Spanien und Paris, durchsichtig, luzide, poetisch. Maurice Ravels "La Valse" eines Tastevirtuosen - entwaffnend. Hochgestimmter Applaus und eine wunderbare, weil kristallklar-preziös gefeilte Schubert-Zugabe.
In Dortmund wird Henze vier Tage lang gefeiert
Westfälische Allgemeine Zeitung
Henzes "Tristan" ist ein riesiges Klavierkonzert mit Tonbändern und imposantem Orchester. Mit Brahms- und Chopin-Grüßen. Ein Seismograph am Flügel: der famose Vladimir Stoupel.
Wochenspiegel
Vladimir Stoupel ist ein Pianist mit enormer Ausstrahlung und herausragenden künstlerischen Fertigkeiten.
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Unvergesslich: Vladimir Stoupel!
Von kosmischer Katastrophe zu lieblichem Weihnachtslied
Solinger Tageblatt
Dohnanyis "Variationen über ein Kinderlied" ist ein parodistisches Stück. Mit größter Wucht setzt das Orchester ein als ginge es um eine kosmische Katastrophe. Wenn dann Vladimir Stoupel am Flügel ganz einfach das Thema "Morgen kommt der Weihnachtsmann" anschlägt, könnte der Kontrast nicht größer sein. Im Laufe des Stücks erlebt das Thema die seltsamsten Abenteuer: Es scheint plötzlich von Brahms zu sein, dann von Mendelssohn, es wird zum Walzer und zum Marsch. Mit Elan bewältigte der Pianist die rasenden Läufe, die vertrackte Polyphonie. Mit sanftem Schubert dankte er für den Riesenapplaus.
SHMF-Konzert war amüsant und lehrreich
Hamburger Abendblatt
Gleich mit den ersten Takten von Chopins und Liszts Nocturne "Meine Freuden" für Klavier zeigte der gebürtige Russe, der in Berlin lebt, eine wunderbare Anschlagkultur und innige Beziehung zur Komposition.
In Szymon Laks' Ballade "Hommage à Chopin" machte der Pianist hörbar, wie sich Laks an Chopins Musik herantastete. Stark im Zugriff, steigerte er sukzessive die Dramatik.
Chopins Minutenwalzer spielte er verführerisch mit einem suggestiv gestalteten Rhythmus. In Ravels "La Valse" arbeitete er eruptiv die starken Brüche heraus, machte die Verzweiflung und die erzwungene Ruhe von Ravels Erinnerung an den Ersten Weltkrieg hörbar.
Judith Ingolfsson gehörte der zweite Konzertteil, kongenial von Stoupel am Flügel begleitet.
In Ravels Sonate für Violine und Klavier zeigte das Duo eine wunderbare Einheit. Ingolfsson arbeitete vor allem den leicht lapidar-resignativen Charakter des Blues heraus. Das aufrührerisch Balladeske der Komposition gelang derart gut, dass man meinte, Kurt Weills Seeräuber-Jenny würde singen.
Beim Schleswig-Holstein Musik Festival ist es mir bislang nicht begegnet, dass die Konzertbesucher zwischen den Sätzen applaudieren. Bis jetzt. Bis zum Konzert mit Judith Ingolfsson und Vladimir Stoupel in Norderstedt. Kaum war der erste Satz von Simon Laks "Trois Pièces de concert" verklungen, applaudierten einige Zuhörer begeistert. Zu Recht begeistert. Denn das Duo spielte fantastisch!
Hessische Allgemeine
Kassel. Bei den bekanntesten Klassik-Hits gibt es einen Trend zur Normierung. Was jeder kennt, soll immer gleich klingen. Spannend wird es aber oft dann, wenn jemand seine individuelle Fassung anbietet.
Bei Vladimir Stoupel (47) hatte Tschaikowskys berühmtes b-Moll-Klavierkonzert im Kasseler Bußtagskonzert nicht nur eine eigene Klanglichkeit. Der in Berlin lebende Russe mit französischer Staatsbürgerschaft nahm sich auch jede Freiheit, auf der gut 40-minütigen musikalischen Bergtour mal zu verweilen, die Atmosphäre zu genießen, dann wieder den Schritt zu beschleunigen, um an Ende den Gipfel in raschem Tempo zu erstürmen.
Die schweren Akkordtürme zu Beginn setzte Stoupel mit vorwärts drängendem Elan, doch in den lyrischen Passagen verlangsamte er das Tempo und ließ die verschiedenen Episoden in großer Ruhe vorüberziehen, bis an den Rand des Stillstands - ohne deshalb an Spannung zu verlieren.
Virtuose Brillanz stellte Stoupel in diesem ersten Satz nicht heraus. Außergewöhnlich war jedoch, wie sensibel er die rhythmischen Ebenen des Klaviersatzes klanglich unterschied.
Extrem langsam begann der zweite Satz. Stoupel entdeckte auch hier klangliche Felder, über die viele Pianisten zielstrebig hinweggehen, und setzte starke Kontraste zu den Prestissimo-Passagen.
Erst im Finale packte Stoupel mit der Virtuosen-Pranke richtig zu, und die Oktav-Kaskaden am Ende kamen wie aus Stein gemeißelt. Für den jubelnden Beifall in der ausverkauften Stadthalle bedankte sich der Solist mit dem Herbstlied aus Tschaikowskys Jahreszeiten-Zyklus op. 37, das er herrlich versonnen mit an Magie grenzenden Pianissimo-Farben spielte.
Berliner Zeitung
In der Sonate für Viola und Klavier von Schostakowitsch führten Tabea Zimmermann und ihr Klavierpartner Vladimir Stoupel in ihrer Interpretation eindringlich vor Augen, dass diese Musik das Sonatengebäude wie ein abbruchreifes Gemäuer begeht, sich gar nicht mehr darin niederlassen will. Die Zeit tastet die Wände der tradierten Form entlang und wirft immer wieder schimmlige Blasen auf, in denen es nicht weitergeht. Ein Choral singt sich nicht aus, sondern wird nur noch gezupft oder wie eine kaum leserliche Schrift in die schwarzen Klavierbässe gekratzt. Das Ende ist zwielichtig, der Schlusston der Viola ein langer Steg aus der Welt hinaus, in ein fahles Licht. Es könnte auch eine Täuschung sein.
Vladimir Stoupel gestaltete Beethovens Klavierkonzert c-Moll mit Temperament und Disziplin.
Landeszeitung Lüneburg
Beethoven verlangt reichlich Energie. Immer wieder ballt sich in seinem Klavierkonzert Nr. 3 c-Moll die Spannung, steigert sich zu opulentem Gestus. Die gewaltigen Orchester-Schwünge brauchen einen adäquaten Solisten. Der wurde in dem russischen Pianisten Vladimir Stoupel gefunden. Er beherrscht Beethovens Klang-Kosmos bravourös. Stoupel spielt druckvoll dynamisch und taucht daneben mit subtilem Ton in sanfte Piano-Gefilde. Er liebt Gegensätze, kostet jeden Schnitt aus, stets mit punktgenauem Anschlag: eine packende Wiedergabe.